Balanceakt Zweichfach-Mama, oder: Am Ende bleibt das Vermissen

Seit sieben Monaten sind wir nun zu viert. Ich bin Zweifach-Mama und jeden, wirklich jeden noch so anstrengenden Tag unfassbar dankbar und glücklich die Mutter dieser zwei wundervollen Jungs sein zu dürfen.

 

Immer öfter und immer unerträglicher wird für mich allerdings das Gefühl für den Großen nicht mehr so wichtig zu sein. Es tut weh und ich vermisse ihn, obwohl wir jeden Tag zusammen sind.....


"Zwei Dinge sollten Kinder von Ihren Eltern bekommen:

Wurzeln & Flügel"

Johann Wolfgang von Goethe 


Mein lieber Papaso, mein großer Junge,

vor sieben Monaten wurde ich zum zweiten Mal Mutter. Ich habe deinen Bruder geboren und unser Familie ist seit diesem Tag im Januar komplett. Wir haben im letzten halben Jahr viel erlebt und du musstest viel durchmachen. 

Wurdest Du nicht nur großer Bruder, sondern bekamen wir auch noch die Diagnose Lymphangiom. Etliche Untersuchungen mussten die Ärzte an dir vornehmen, du bekamst Narkosen, du hattest Schmerzen und spürtest die Angst die wir um dich hatten. 


Eine Person war in dieser Zeit stets an deiner Seite, diese Person war nicht ich. Ich konnte nicht so für Dich da sein wie ich es wollte!

 

Wir waren zwei Jahre ein unschlagbares Team. Unzertrennlich! Jeden Tag verbrachten wir zusammen.

Seit dein Bruder auf der Welt ist, hat sich vieles verändert!

 

Papa ist nun Deine Nummer 1!

 

Er war im Krankenhaus bei Dir, er hielt dir die Hand, er erklärte Dir alles so gut es ging und tröstete Dich, sprach dir Mut zu und war da. Er war stets an Deiner Seite!

Ich war nicht immer bei Dir! Ich konnte nicht bei immer Dir sein!

 

Dein Bruder ist noch so klein, er braucht mich. Ich bin auch seine Mama! Gerade am Anfang war ich oft und lange am stillen.

Ohne jemals darüber zu sprechen, teilten dein Papa und ich uns auf. An deiner Seite ist der Papa. Er weckt dich morgens, zieht dich an, er spielt mit Dir, geht mit Dir einkaufen. Ihr baut zusammen Höhlen und Euer Lachen hallt durchs ganze Haus. Das ist schön, unfassbar schön und trotzallem spüre ich, wie ich Dich vermisse. Wie gerne ich viel öfter an deiner Seite wäre. 

Seit dein Bruder auf der Welt ist habe ich Dich erst ein Mal abends ins Bett gebracht.

Du verlangst nach deinem Papa. Er macht dich bettfein, kuschelt mit Dir, guckt sich mit Dir Bücher an. Er bekommt den letzten Kuss am Abend und den ersten am Morgen! 

Der Papa und du, ihr seid ein wunderbares Team und ich gönne Euch diese Vertrautheit sehr. Doch, vermisse ich Dich! 

 

Ganz bewusst versuchen wir nun immer öfter "Mama-Zeiten" in den Tag einzuplanen. Rituale die nur uns beiden gehören! Immer mal wieder gibt es Situation da klappt es nicht, weil dein Bruder dann in genau diesem Moment Hunger bekommt oder sich nur von mir, seiner Mama, beruhigen lässt. 

Doch wir zwei, Du und ich, wir schaffen es immer öfter und wir beide genießen diese Zeit sehr! 

 

Dein Papa macht das großartig und ich bewundere ihn sehr für seine Ruhe. Niemand erklärt dir die Welt besser als er. Er nimmt sich Zeit, wann immer es ihm möglich ist und beantwortet Dir all die Fragen die Du hast mit einer Art und Weise die mich schon einige Male sprachlos machte. Sprachlos, weil ich denke, dass er es besser macht als ich. Ich meine das gar nicht böse. Eigentlich macht es mich sogar glücklich. Glücklich zu wissen einen so wundervollen Mann zu haben! Einen großartigen Vater für meine Söhne!


Wahrscheinlich muss ich den Balanceakt einer Zweifach-Mama noch lernen und es braucht Zeit bis jeder seinen Platz in der Familie gefunden hat. 

Aktuell fällt mir das loslassen sehr schwer und ich vermisse dich schrecklich.

Deine Nähe, das gemeinsame Lachen und das Gefühl von Dir gebraucht zu werden.

Klar, brauchst du mich. Ich bin deine Mutter! Doch hat sich so vieles verändert und durch die Unruhe der letzten Monate hatte ich kaum Zeit mich an all das zu gewöhnen. 

Du scheinst sehr glücklich zu sein und bist ein aufgeschlossenes, fröhliches Kind.

Ich bin mir sicher, dass Dir nichts fehlt und der festen Überzeugung, dass wir das alles als Familie gut meistern.

Dein Bruder und Du, Ihr seid mein Leben, und doch: Am Ende bleibt das Vermissen!


Liebe & Glück

Eure Bella

 


 

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Kommentare: 11
  • #1

    M. (Freitag, 21 August 2015 10:35)

    Du koenntest gerade unser Leben beschreiben...

  • #2

    J. (Freitag, 21 August 2015 15:26)

    Liebe Bella,
    was du schreibst berührt mich sehr.
    Ich bin seit 4 Monaten nun zweifache Mama.
    Bei uns ist es so ähnlich...
    Der Große (5) und ich waren eins...
    Nun muss er mich teilen.
    Und zeitweise ist er mir so fremd geworden,dass es unendlich weh tut.
    Ich vermisse ihn auch sehr - und er mich.
    Es fühlt sich an,als wäre er über Nacht "erwachsen" geworden.
    Wir haben uns schon etwas gewöhnt,aber es darf noch besser werden.
    Liebe Grüße

  • #3

    Sarah (Freitag, 21 August 2015 16:22)

    Hi Bella,
    sehr schwierig finde ich das! Man willfür den Kleinen da sein, darf den Großen aber nicht vergessen. Oft rebelliert mein großer Sohn und ich muss lernen, richtig darauf zu reagieren. Das dauert wohl alles noch, obwohl ich schon fast 14 Monate Zweifachmama bin. Gib euch Zeit!
    Liebe Grüße
    Sarah

  • #4

    Astrid (Freitag, 21 August 2015 20:10)

    Liebe Bella,

    Du sprichst mir aus dem Herzen. Da ist auch ständig dieses schlechte Gewissen. Für den Großen hatte ich ja viel mehr Zeit als für den Kleinen in dem Alter. Unser Kleiner ist auch 7 Monate.heute habe ich den Kleinen mit der Oma zum Babyschwimmen geschickt und war ganz alleine mit dem Großen bei der Musikschule und danach Eis essen. Wir hatten wieder so viel Spaß und es tat uns beiden so gut. Als wir dann allerdings an der Schwimmhalle waren, kam die Ernüchterung. Der Kleine hatte viel geschrien weil er mich und das Stillen brauchte. Und da war es wieder: das schlechte Gewissen!

  • #5

    Jil (Samstag, 22 August 2015 21:48)

    Ist das schön geschrieben.. Das treibt mir die Tränen in die Augen.
    Ich werde ab Oktober auch Zweifachmama sein und genau vor dem Vermissen habe ich unglaublich große Angst.

  • #6

    Cheesy (Sonntag, 23 August 2015 14:56)

    Ach herrje, da sitze ich und mir kullern Tränen über die Augen. GENAUSO erging es mir die letzten Monate auch, nachdem 17 Monate nach der Geburt von "BabyBel" unser "BabyBoy" zur Welt kam. Und BabyBel noch mehr an ihrem Papa klebte und ich noch viel öfters "Mami nei - Papi!" zu hören kriegte. Eine verd.... harte Zeit, liebe ich meine Tochter doch so sehr. Nun ist BabyBoy bald 1 Jahr alt - und es wird besser. Er ist selbständig(er), braucht meine Brust nicht mehr so viel, hat auch mal lieber Papa. Und ich bin frei für meine kleine Grosse, die ich auch viele Wochen so schmerzlich vermisst habe; obwohl sie eigentlich da war. Ich verstehe dich sehr gut! *virtuellmaldrück*

  • #7

    FreiRaumKind (Montag, 24 August 2015 10:13)

    Ihr Lieben,

    ich danke Euch von ganzem Herzen für Eure Kommentare, ehrlich! Und jetzt sitze ich da und mir kommen die Tränen! Aber es ist trotz allem schön zu wissen, dass man damit nicht alleine ist, das es anderen Muttis genauso geht!!!!

    Bestimmt wird es besser und ich glaube, die Zeit "arbeitet" für uns! <3

  • #8

    Anna (Montag, 24 August 2015 11:32)

    Liebe Bella,

    ich weiß genau wovon Du sprichst: seit die Zwillinge da sind muss meine große Maus mich mit zwei anderen Kindern teilen und es bricht mir manchmal das Herz, dass ich sie oft warten lassen muss und nicht mehr so viel Zeit für sie habe.
    Andererseits gehört das natürlich auch zum Leben dazu: zu lernen, dass man nicht der einzige Mensch mit Bedürfnissen ist. Dennoch: ich versuche so oft wie möglich "Exklusivzeit" für sie zu haben - das tut uns beiden sehr gut und ich sehe, dass sie diese sehr, sehr genießt...
    Lass´Dich drücken - Deine Kinder wissen sicher, dass Du Dein bestes gibst und Du beide aus tiefstem Herzen liebst...

  • #9

    Mamamulle (Dienstag, 25 August 2015 22:17)

    Wie gut ich dich verstehen kann! Ich bin immer froh, dass Emmi tagsüber noch viel schläft und auch wenig schreit, aber trotzdem gibt es diese Momente und Tage, wo man wenig Zeit für die Große hat. Und meistens bringt dann abends Papa die kleine Große ins Bett, weil ich erstmal das Baby versorgen muss, damit eine Gute-Nacht-Geschichte drin ist. Aber das spielt sich alles schon irgendwie ein. =)

  • #10

    FreiRaumKind (Mittwoch, 26 August 2015 21:32)

    Liebe Anna,
    es freut mich, dass Du es schaffst "Exklusivzeiten" für die Große in den Alltag einzubauen und ich weiß wie schwierig es ist. Ich habe großen Respekt vor Dir und bin mir ganz sicher, dass du das alles GROßARTIG meisterst <3 <3

    Liebe Mammulle,
    dein post liest so leicht und frei und ich bin fast ein wenig neidisch darauf. Auf deine Gelassenheit und dein Vertrauen in Euch! Behalte Dir das bei, es ist für Euch alle so wichtig!
    Es wird sich einspielen, bei uns ALLEN. Es MUSS ;-)

  • #11

    Kristina Morell (Dienstag, 12 April 2016 22:34)

    Ich muss so heulen. Mir geht es momentan genauso...